Beim Wort Tango kommen einem viele Assoziationen. Dabei hat Tango so wenig mit Rose im Mund tanzen zu tun, wie Yoga mit auf dem Nagelbrett liegen. Tango kann vieles sein. Er kann sozialer Kontakt sein, kann einen persönlich weiterentwickeln, es kann sportliche Betätigung oder Abschalten nach der Arbeit sein. Manche genießen ihren Körper, andere verbessern ihre Entscheidungsfähigkeit.

Der Sinn des Scheiterns und persönliche Weiterentwicklung

Argentinischer Tango ist Leben. Und wie das Leben eben so ist – manchmal läuft es gut, manchmal läuft es schlecht. Aber egal wie, versuche ich beim nächsten Mal ein klein wenig besser zu sein, stelle ich mir eine kleine Aufgabe und versuche sie zu lösen. Dafür brauche ich einen Gegenüber, jemanden, der/die mir Antwort gibt. Ja, es ist schön, im Tanz dahin zu fließen, aber genauso wertvoll ist es zu scheitern. Dieses Scheitern gibt mir die Möglichkeit besser zu werden, weil es mir die Punkte zeigt, wo ich mich weiter entwickeln kann. Der Tango bietet einem vielfältige Möglichkeiten des Scheiterns.

Was ist argentinischer Tango?

Argentinischer Tango, nachfolgend einfach Tango genannt, ist ein frei improvisierter Tanz, bei dem der eine führt, meinst der Mann, und der andere folgt, meinst die Frau. Was zu geschehen hat, wird mittels Körpersprache des Führenden dem Folgenden mitgeteilt. Idealerweise sind dies schöne Bewegungen im Takt der Musik.

Soweit so einfach, wenn nicht auf beiden Seiten zwei Menschen sind und Kommunikation allgemein ein schwieriges Thema ist.

Die Rollen beim Tango

Wenn ich hier in diesem Rahmen von Mann und Frau schreibe, ist damit die klassische Rolle des Mannes oder der Frau beim Tango gemeint im Sinne von dem Führenden und der Folgenden. Für mich stellen sie die beiden Archetypen des Mann-Seins und des Frau-Seins da.

Beim Tango habe ich die Freiheit voll und ganz in eine dieser Erfahrungswelten einzutauchen. Es steht jedem frei, die Rolle einzunehmen, die ihm gefällt, egal, welches Geschlecht er/sie hat. Ich selbst genieße beide Rollen sehr.

Die Schwierigkeiten beim Tango.

Da hast du zunächst deinen Körper, über den viele Menschen so viel Kontrolle haben wie über einen Haufen Hundewelpen.
Was macht gerade dein linker Fuß? Ah, du wusstest es nicht, hast dich jetzt aber informiert und weißt Bescheid. Vielleicht ist dir aufgefallen, das dein Kopf sich ein wenig zum linken Fuß gewendet hat, während du dich informiert hast. Nein, ist dir nicht aufgefallen? Ist nicht schlimm, das geht den meisten so.
Nun versuche mal mit diesem sich unkontrolliert bewegenden Ding klar und deutlich zu kommunizieren was du in der Rolle des Führenden möchtest. Wenn du es geschafft hast bewusst mit deinem Körper umzugehen- Yoga hilft dabei übrigens ungemein- bist du beim nächsten Problem…

Was möchtest du eigentlich?

Diese Frage musst du sofort, klar, kreativ und im Rahmen der Möglichkeiten beantworten. Als Führender musst du ständig genau wissen was du willst. Die Frau wird nur dann ihre Schritte schön und korrekt ausführen, wenn du deine Aufgabe erfüllt hast. Du musst rund eineinhalb Schritte im voraus wissen was du mit deinen vier Beinen anfangen möchtest. Als Mann bist du für die Organisation der Bewegung von deinen und den Beinen der Frau zuständig. Habt ihr eine gute Verbindung zueinander, genügt allein schon der klare Gedanke von dir und die Frau führt den gewünschten Schritt aus. Bist du eine halbe Sekunde abwesend oder unschlüssig, weiß sie nicht, was sie machen soll. Dieses spürst du sofort mit deinem Körper. Was sich vorher geschmeidig und leicht angefühlt hat, ist jetzt hölzern und ruppig. Du erfährst genau an welchen Punkt deine Konzentration nachgelassen hat.

Aufmerksam im Hier und Jetzt sein

Während es die Aufgabe des Mannes ist zu planen, was als nächstes geschehen soll, muss die Frau ganz im Hier und Jetzt sein. Da es keine verabredeten Schrittfolgen gibt, muss sie ständig aufmerksam sein um seine Impulse unmittelbar umsetzen zu können. Manchmal merkst du in der Rolle des Mannes, dass sich eine gewisse Routine in der Schrittfolge eingeschlichen hat und die Frau schon ahnt, was als nächsten kommt. In diesem Fall fügst du eine kleine Änderung der Schritte ein, es stockt kurz um danach mit größerer Aufmerksamkeit weiter zu gehen.

In der Rolle der Frau, liebe ich diese kurzen Phasen der Irritation, in denen ich mich mit erhöhter Aufmerksamkeit frage: „Was will der Mann von mir“. Danach geht es mit wiedergewonnener Frische weiter.

Das eigene Potenzial umsetzen

Den äußeren Ausdruck des Tanzes dominiert die Frau. Der Mann führt zwar die Schritte, aber die Frau muss diesen Schritten Leben einhauchen. Sie gestaltet diese je nachdem was für eine Art Frau sie ist. Nur wenn sie „sie selbst“  ist und dieses ausdrückt, sieht der Tanz gut aus. Dabei muss sie den Kontakt zum Tanzpartner aufrechterhalten, den Bewegungsimpuls von ihm aufnehmen und als Gelegenheit auffassen sich selbst auszudrücken. Übertreibt sie es allerdings und kreist nur noch selbstverliebt um sich selbst, leidet spürbar der gemeinsame Tanz.

Wenn du allein arbeitest, entwickelst du dein eigenes System, bei dem alles an seinem Platz ist. Und plötzlich kommt ein anderer dazu und stört das – und diese Störung ist wichtig. Du brauchst diesen anderen, du brauchst diese störende Kraft, die dir sagt: „Nein, du weißt es nicht“
Akram Khan, Tänzer und Choreograf

Dies sind nur einige Möglichkeiten, beim Tango zu scheitern. Aber genau dieses Scheitern gibt dir die Möglichkeit genau an diesen Punkten zu wachsen. Und nicht irgendein Guru oder eine sinnlose Regel entscheidet darüber, was gut oder schlecht ist. Du spürst es unmittelbar und direkt in der Bewegung mit deinem Partner. Du spürst es bei jedem Schritt, du spürst es in deinem Körper und du spürst, wie sich der Körper deines Tanzpartners anfühlt. Dieses Ganze gibt dir eine Unmittelbarkeit und Intensität des Erlebens, welche dich ganz im Hier und Jetzt verankert.

von Oskar Schmitt
Mein Name ist Oskar und ich bin begeisterter Tangotänzer. Je mehr ich mich mit argentinischem Tango beschäftige, umso faszinierender finde ich diesen Tanz. Für mich ist es wie die Essenz des Lebens, wie ein kleiner Versuchsraum, in dem fast alles stattfindet, was im Leben wertvoll und wichtig ist. Ich tanze beim Tango beide Rollen, weil ich es liebe zwischen ihnen zu wechseln.

    4 Kommentare

  1. ule 23. Dezember 2016 at 21:03 Antworten

    Die Suche nach dem Vollkommenen oder der kreativen „Ungenauigkeit“
    beim Tango tanzen
    Quelle „Der Gegenwartsmoment“ von Daniel n. Stern

    „Probleme“

    1. Die Schwierigkeit die eigen Intentionen zu erkennen und zu vermitteln. Ihr entspricht die Schwierigkeit unseres Gegenübers die Intentionen zu erkennen und diese „richtig“ zu lesen und umzusetzen.
    2. Die Umvorhersagbarkeit und die hohe Redundanz bei allem neuen im Tango
    3. Die Improvisation und die daraus folgende Unschärfe

    „Lösung“

    Ungenauigkeit ist nicht nur ein Fehler die als Knirschen im System verstanden werden.
    Ungenauigkeit im Prozess bringt neue zum teil chaotische die zum Schaffen neuer Kreativität genutzt werden können.
    In dem wir „falsche Schritte/ Verhaltensweißen“ aushandeln und korrigieren bilden sie eine Grundlage des Tanzes und des Zusammenseins.

    In diesem Sinn wünsche ich Euch und mir schöne Tänze mit vielen Gegenwarts und Begegnungsmomenten

  2. Oskar Schmitt 27. Dezember 2016 at 16:12 Antworten

    Hey Ule,
    Zuerst hast du die Schwierigkeit betont, dass es sich beim Tango um ein System handelt, das nicht wirklich kontrollierbar ist und somit zu Abweichungen von der vorgegebenen Norm tendiert. Danach schlägst du vor diese Ungenauigkeiten als Anregung für Kreativität zu nutzen. (Wenn ich das nun richtig zusammengefasst habe)

    Ich stimme dir zu. Es macht auch ein viel fröhlicheres Miteinander, wenn man sich von Abweichung nicht beleidigt irritieren lässt, sondern diese Variation virtuose in den Tanz einbaut. Meine schönsten Tänze sind so entstanden. Auf die Vielfalt der Bewegung.

  3. Jess 19. Juli 2017 at 13:51 Antworten

    Ein sehr schöner Artikel. Danke. Liebe Grüße Jess

    • Oskar Schmitt 20. Juli 2017 at 16:19 Antworten

      Freut mich, dass er dir gefallen hat.

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