fair fashion

Ich interessiere mich nun schon seit mehreren Jahren für grüne, nachhaltige Mode und besuche auch immer wieder gerne die Ethical Fashionshow Berlin im Rahmen der Berliner Fashionweek. Dort lasse ich mich dann inspirieren, um mir meine eigenen Styles mit Klamotten vom Flohmarkt oder vom Kleidertausch zusammenzustellen. In letzter Zeit hatte ich dann aber auch wirklich mal Lust mir das ein oder andere „Grüne Mode Teil“ zu gönnen. Dabei stieß ich auf die Marke Joyti Fair Works und fand das Konzept dahinter so spannend, dass ich mich mit der Gründerin Jeanine zu einem Gespräch in Neukölln traf.

Was bedeutet Fair Fashion?

Wir versuchen uns von dem Begriff Fashion zu distanzieren, weil das ja dieses Schnelllebige – jede Saison was Neues, bedeutet. Wir versuchen eher mehr wieder von Bekleidung und Kleidung zu sprechen. Nicht nur wie es produziert wird, sondern auch wie wir als Konsument damit umgehen hat Einfluss auf die Nachhaltigkeit. Fairness gegenüber der Umwelt, dem Endkonsumenten und gegenüber den Produzenten. Wie werden die Leute bezahlt, die daran mitwirken diese Produkte herzustellen? Wie werden sie behandelt? Haben sie Mitspracherechte?

Für uns ist es super wichtig, dass Leute ein faires Gehalt bekommen, vernünftige Arbeitszeiten und Arbeitsumstände haben, dass ihnen ein Mitspracherecht eingeräumt wird. Damit es nicht so eine klassische entfremdete Ausbeutung ist, wo der Produzent nur herstellt, was ihm in Auftrag gegeben wird. Sondern das die Mitarbeiter mitgestalten können an den Produkten aber auch an den Arbeitszeiten. Das wir uns als Auftraggeber auch an die kulturellen Gegebenheiten anpassen. Bei uns gibt es eine eigene Gewerkschaft. Eine ganz kleine natürlich, da es ja insgesamt nur elf Frauen sind, aber die Leute haben eine Stimme und darum geht es bei Fairness. Wir begegnen uns auf Augenhöhe, das ist uns sehr wichtig.

fair fashion
Was versteht ihr unter „ Wertschöpfungsketten“?

Faire Kleidung heisst nicht nur die Näherin soll fair bezahlt werden, da steckt noch so viel mehr dahinter. Ein textiles Kleidungsstück ist ein wahnsinnig komplexes Produkt, dass in so vielen Schritten hergestellt wird, das kann man sich als Verbraucher oft gar nicht vorstellen.

Wertschöpfungskette bezeichnet den ganzen Weg vom Baumwollfeld bis hier her nach Berlin. Alle einzelnen Schritte sollen fair gestaltet sein. Auch der Baumwollbauer soll nach hohen sozialen Standards behandelt werden d.h. Er bekommt genug Geld, er muss keine fiesen Pestizide oder genverändertes Saatgut einsetzen. Der Weber bekommt ebenfalls genug Geld und bekommt angemessene Arbeitskleidung usw. Entlang der ganzen Kette werden alle fair entlohnt und treten als gleichberechtigte Partner auf. Deswegen arbeiten wir nur mit kleinen Familienbetrieben und Kooperativen zusammen. So können wir quasi mit dem Menschen der am Webstuhl sitzt telefonieren und der bekommt dann auch das Geld auf sein Konto. Keine großen Konzerne sind dazwischen geschaltet.

Wir kennen alle unsere Mitarbeiter persönlich, haben sie mehrfach in Indien besucht und gemeinsam Tee getrunken.

Die Mitarbeiter setzen auch die Preise fest. Sie sind also nicht angestellt aber sie bekommen einen Stückpreis für die Stoffe, die sie herstellen.

Wir haben den Ansatz gewählt nur mit Webstoffen zu arbeiten, weil es etwas ganz Traditionelles in Indien ist. Das gibt es dort seit Jahrhunderten. Es ist ein sehr schönes Handwerk und unterstützenswert, zumal selbst in Indien immer mehr Nachfrage nach synthetisch produzierter Ware „made in China“ besteht und die Weber dadurch oftmals keine Abnehmer mehr finden.

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Was ist Eure Vision?

Unsere ganz große Vision, ist dass die Textilindustrie sich grundsätzlich wandeln muss. Das System ist so „verkorkst“ , das kann man wirklich nicht anderes anders sagen.

Es ist die zweit müllintensivste Industrie der Welt. Und die arbeitsintensivste Industrie überhaupt. Selbst das 2,50 € T- Shirt von Primarkt ist handgearbeitet. Weil man die Leute so schön ausbeuten kann, ist es immer noch günstiger als es maschinell anfertigen zu lassen. Unsere Vision ist also Kleidung herzustellen, die nicht nur den Konsumenten sondern auch den Produzenten Freude bereitet.

Wir haben nicht den Anspruch an uns die Industrie zu revolutionieren aber wir wollen ein Beispiel statuieren um langsam einen systemischen Wandel einzuleiten. Es muss ein Umdenken auf Unternehmensseite geben. Weg von dem Gedanken : Profit, Profit, Profit.

Dazu braucht es aber auch ein Umdenken auf Seiten der Konsumenten, die ein stärkeres Gefühl dafür bekommen, welchen Wert ihre Kleidung tatsächlich hat. Deswegen schlüsseln wir auf unserer Homepage auch die Wertschöpfungskette so genau auf. Um den Leuten bewusst zu machen, wieviele Ressourcen da drin stecken. Wieviel Wasser. Wie viel Energie. Wieviel Arbeitsstunden und Wissen. Das führt dann hoffentlich dazu, das man mit seinen Klamotten auch wieder besser umgeht. Das man vielleicht nicht die trendy Leoparden Leggings kauft, sie zwei mal trägt und dann findet man sie doch schrecklich, sondern, dass man sich für zeitlose Kleidung entscheidet. Diese dann auch pflegt und flickt. Das man also den Wert wieder begreift, der dahinter steckt und auch entsprechend damit umgeht. Im Textilbereich ist das Problem, dass so viele Stellschrauben gleichzeitig verändert werden müssten. Kunden, Produzenten, Designer sie alle dürfen nicht einfach die Verantwortung abgeben.

Joyti Fair Works gibt es seit 2010. Wie hat sich alles entwickelt?

Ich habe freiwilligen Dienst in Indien in einer von indischen Frauen geleiteten NGO gemacht, die sich um sozial benachteiligte Frauen und Kinder gekümmert hat. Ich habe nach meiner Rückkehr immer wieder darüber nachgedacht. Dann fanden meine Freunde die Stoffe so schön, die ich mitgebracht habe. Ich dache mir: super das ist eine klassischen Win-Win Situation. Vielleicht kann man da was draus machen.

Daraufhin schlug ich den Frauen in Indien vor eine Nähwerkstatt einzurichten. Nach einer Woche erhielt ich den Rückruf, dass zehn Frauen eingestellt worden seien und wie es jetzt weitergehe. Da hatte ich den Salat. (lacht)

Seit dem hat es sich ganz organisch entwickelt. Ich habe alles neben meinem Studium aufgebaut. Über Spendengelder haben wir Nähmaschinen gekauft und die Frauen bezahlt. Sie konnten am Anfang nicht nähen und ich auch nicht. Das war nicht die beste Ausgangssituation ,aber dann haben wir es gemeinsam gelernt.

2014 bin ich nach Berlin gekommen, weil ich unbedingt Leute finden wollte, die mitmachen. Da ich mit meiner Energie ganz schön am Ende war. Ich hatte ein Stipendium für SozialUnternehmer und bald traf ich andere Menschen, die von der Idee begeistert waren. Die beste Unternehmensform für uns ist eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft.

Wir wollen keine NGO sein. Wir wir wollen kein Mitleid erregen. Eher umgekehrt wir wollten zeigen: die Frauen sind toll, sie können was Tolles, die brauchen kein Mitleid ihnen fehlt nur der Absatzmarkt. Deswegen wollten wir die UG gemeinnützig machen.Wir haben in der Satzung festgelegt, dass es in Deutschland keine Gewinnausschüttung geben kann, sondern alle Gewinne direkt nach Indien fließen.

Wir bieten außerdem Alphabetisierung und Englisch Kurse für die Frauen an. Sie bekommen alle eine Krankenversicherung und subventionierte Kredite. Dafür verwenden wir die Gewinne, die wir hier erwirtschaften.

Bezieht ihr eure eigenen Gehälter aus dem Projekt?

Nein wir alle arbeiten nebenbei noch um uns zu finanzieren. Das ist nicht die langfristige Lösung, da es sehr viel Zeitaufwand ist, wenn man nebenbei noch arbeiten muss um sein Geld zu verdienen. Alle stecken Herzblut rein und machen es ehrenamtlich.

Was ist dein ultimativer Tipp für Frauen, die sich selbstständig machen wollen?

Man braucht eine Portion Naivität, Optimismus und Leichtsinn. Das wichtigste ist, dass man eine totale Begeisterung hat, für das was man macht. Und nicht einfach nur gründet um zu gründen. Wenn diese Leidenschaft nicht da ist, dann wird es schwer. Sobald Probleme auftauchen, fehlt dann oft die Grundmotivation .

Gründen ist wie heiraten und Drillinge kriegen auf einmalJeanine

Das kriegt man nicht mehr los und es ist super Zeitintensiv. Wenn man das nicht wirklich machen will, dann sollte man das besser lassen. Es ist oft sehr sehr schwer.

Aber es ist sehr schön, sein eigener Chef zu sein. Allerdings hat man dann auch niemanden an den man Verantwortung abgeben kann. Man muss selber die Suppe wieder auslöffeln und Entscheidungen treffen, das ist schön aber auch manchmal echt schwer.

Man sollte es sich echt gut überlegen ob man es wirklich will. Es kann mit großen Opfern verbunden sein, wie z.B. chronischer Geldmangel.

Träume verwirklichen – wie geht das?

Ich glaube da gibt es kein Manual das man aushändigen kann.

Ich habe zum Glück ein ganz starkes Bauchgefühl. Es gab immer so Momente in meinem Leben wo ich gespürt habe, das etwas nicht stimmt. Immer wenn eine Situation nicht ausgewogen war, habe ich mich auf die Suche gemacht. Die Sachen kommen dann zu einem und man muss sie erkennen wenn sie da sind und nutzen.

So hat sich auch Joyti ergeben. Ich hatte nie wirklich einen Masterplan, was das werden soll oder überhaupt ist. Sondern ich habe eher geschaut was da gerade passiert, welche Leute dazu kommen und was es für Möglichkeiten gibt. Eine „Ja“ Mentalität hilft auf jeden Fall. Wenn es spannend ist und man einfach mal macht, dann ergeben sich oft Sachen, die man sonst nicht sieht. Und die sonst auch nicht da gewesen wären. Aufgreifen was da ist! Denn da ist immer viel! Sich treiben lassen und dann passieren die Sachen schon.

Wie kann man Leute für ein Projekt begeistern?

Selber total überzeugt von der Sache sein. Man merkt ob jemand authentisch ist und für die Sache brennt, oder ob er nur Profit daraus schlagen will. Es muss ein kohärentes Konzept sein, das ehrlich gemeint ist. Wenn man selber viel Energie reinsteckt und es auch einen sozialen Aspekt hat, sind Leute immer eher bereit was reinzustecken von sich. Es gibt unumstritten so viel Misstand in der Welt. Wenn man etwas sozial Nachhaltiges macht, hat das ja auch was Befriedigendes.

Gibt es ein Buch das dein Leben verändert hat?

Als ich 14 war habe ich Monti Roberts den Pferdeflüsterer gelesen. Mich hat dieser gewaltfreie Ansatz sehr fasziniert. Ich habe auch viele Bücher von Gandhi gelesen. Das hat mich in meiner Jugend sehr geprägt.

Wenn man ruhig und empathisch bleibt funktioniert meistens alles besser als wenn man irgendjemandem seine Idee aufpfropfen will.

Welche wohltuenden Rituale helfen dir am meisten in deine Kraft zu kommen?

Spazierengehen tut mir sehr gut. Ich genieße es sehr ohne andere Menschen zu sein. Durch meinen Alltag und meinen Job habe ich wahnsinnig viel Kommunikation und Menschenkontakt. Da bin ich dann auch mal froh in Ruhe gelassen zu werden.

Was mir viel Kraft gibt ist aber auch der Austausch mit anderen Menschen und gegenseitige Inspiration. Die Arbeit mit den Frauen hat mich sehr geprägt. So zu merken, dass diese Frauen Hindernisse in ihrem Leben haben, die für mich außerhalb des Vorstellbaren liegen. Und sie lächeln immer noch und sind stark und nehmen das alles mit so viel Fassung. Anfangs entstand das Gefühl in mir ich darf mich nie wieder beschweren, da es mir so gut geht. Was sich aber auch relativiert hat, weil jedes Gefühl seine Berechtigung hat. Aber eine gewisse Ruhe zu behalten, wenn mir jetzt mal die Bankkarte geklaut wird oder mein Fahrrad weg ist. Es gibt wirklich Schlimmeres. Es hilft mir mich weniger aufzuregen und Sachen leichter zu nehmen. Mich vom Materiellen mehr und mehr zu lösen. Das empfinde ich als befreiend.

Für Viele ist Shoppen eine Ersatzbefriedigung geworden. Wie glaubst du muss sich die innere Einstellung wandeln, bevor ein Projekt wie Joyti für eine breitere Masse interessant werden kann?

Ich glaube man muss aufhören sich über Konsum zu befriedigen. Da es ja auch eine so kurzfristige Befriedigung ist. Oft träumen wir jahrelang von einer bestimmten Sache und man glaubt, wenn man sie nur hätte, wäre das Leben viel besser. Wenn wir es dann tatsächlich bekommen, gewöhnen wir uns daran und nach einer Woche ist es schon uninteressant geworden. Bei Kleidungsstücken ist das nichts anderes. Es ist gut wenn man sich das bewusst macht.

Im Textilsektor sind sich die meisten Leute bewusst darüber wie die Zustände sind. Sie haben immer eine Ausrede parat. Wenn man dann doch zu H&M geht, verdrängt man es und redet sich ein, dass es jetzt trotzdem ok ist. Es ist dann sehr abstrakt und man kann es gut wegschieben.

Oftmals wird auch als Argument genannt, dass H&M und Co. einfach preisgünstig seien und Grüne Mode viel zu teuer. Was sagst du dazu?

Ich denke, dass es eine Frage von Prioritäten ist. Klar ist es teurer da kann man gar nichts sagen, aber wenn ein T-Shirt genau so viel kostet wie ein Bier, dann kann man das ja auch nicht mehr wertschätzen. Vielleicht ist es nicht notwenig jeden Trend mitzumachen, jeden Sommer ein neues Sommerkleid zu kaufen. Sondern lieber Produkte zu kaufen, die fair hergestellt sind und tolle Qualität haben. Und lieber ein zeitloses Design zu wählen. Man kann da sein Konsumverhalten umstellen. Oder lieber Sachen reparieren als immer alles wegzuschmeißen. Wer macht denn das heutzutage noch? Ich selbst habe mir seit fünf Jahren nichts mehr im Laden gekauft. Flohmarkt ist eine gute Alternative. Da gibt man sicherlich sehr viel weniger Geld aus, als wenn man immer super trendy sein will. Prioritäten anderes setzen!

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Wie kann man bewusst konsumieren und nachhaltig sein, ohne dabei die Leichtigkeit zu verlieren?

Mir macht es total Spaß ein Spiel daraus zu machen. Kleidertausch oder mit Freundinnen auf den Flohmarkt gehen und es sich nicht so schwer machen. Es einfach leichter nehmen. Es ist eine Frage der Einstellung. Ob ich mir jedes mal bewusst mache wie schrecklich alles ist und deshalb nachhaltig kaufe, oder ob man sich freut, wenn man Produkte in kleinen unterstützenswerten Projekten kauft. Dann macht es auch glücklich dort einzukaufen.

Ist Grüne Mode total „BERLIN“ oder hat es auch das Potential deutschlandweit Verbreitung zu finden?

Berlin ist schon so eine Stadt in der neue Dinge aufkommen, weil hier viel kreative Kraft ist. In Berlin ist viel am Entstehen und generell ist es eher in größeren Städten, das Leute sich über so etwas Gedanken machen. Es ist unumstritten das in größeren Städten das Kulturangebot und der generelle Austausch größer ist, man hat daher auch mehr Möglichkeiten. In Berlin gibt es mittlerweile über 30 Fairtradeläden. In Saarbrücken als Bespiel, gibt es keinen einzigen. Klar wir sind hier in einer Bubble aber vielleicht wächst diese Bubble ja auch.

Die Top 3 Orte in Berlin, die man auf keinen Fall verpassen darf ?

 

♥Vielen Dank liebe Jeanine für das tolle Interview und für die interessanten Einsichten und Informationen.

 

 

von Milena Klingel
Als Gründerin von Boost your Om ist es Milena ein Herzensanliegen alle ihre Erfahrungen aus langjähriger Tätigkeit als Ergotherapeutin und Yogalehrerin jetzt mit noch mehr Menschen teilen zu können. Kreativ, wild und frei lädt sie immer wieder dazu ein der inneren Stimme zu vertrauen und im Alltag ein Leben voller Selbstliebe und Magie zu verwirklichen.

    2 Kommentare

  1. Brigitte Windt 7. Juni 2016 at 18:50 Antworten

    Hallo,

    wie frisch, frei und wertschätzend. Gerade darum sooo weiblich. Ich bin begeistert!

    Wenn Frauen wie Milena und Jeanine im Einklang von Kopf, Herz und Bauch handeln, können so wunderbare Projekte wie Joyti Fair Works und boostyourom entstehen, sich weiterentwickeln und Inspiration für andere Frauen sein!

    Herzlichst, Brigitte Windt

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